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«Die Frage, wer Bildung vermittelt, muss thematisiert werden»

Die internationale Gemeinschaft hat sich dem Ziel verpflichtet, bis 2030 für alle Menschen eine hochwertige Bildung sicherzustellen. Nichtstaatliche Akteure tragen wesentlich dazu bei, dieses Ziel zu erreichen und stehen im Fokus des diesjährigen UNESCO-Weltbildungsberichts. Am 3. Februar wird bei einem virtuellen Anlass der Bericht in der Schweiz vorgestellt. Basilio Ghisletta, Bildungsberater der DEZA, äussert sich im Interview zur Bedeutung des Berichts im Hinblick auf die Bildungsziele der Agenda 2030.

Eine junge Frau unterrichtet Kinder auf einem Boot auf einem Fluss auf den Philippinen.

Es gibt vielfältige Arten, wie private Organisationen in das Bildungssystem eingebunden werden können. © UNESCO, Roxanne Paraiso

Nach Angaben der UNO gehen weltweit 258 Millionen Kinder nicht zur Schule, und 617 Millionen Menschen haben keine Kenntnisse in Lesen und Mathematik. Die Covid-19-Pandemie stellt eine zusätzliche Herausforderung dar: Zum Höhepunkt der Pandemie waren mehr als 1,5 Milliarden Kinder wegen der landesweiten Schliessungen nicht in der Schule. Auch Konflikt, Flucht und Migration nehmen zu und verwehren der jungen Generation eine gute Zukunft: Rund zwei Drittel der Flüchtlingskinder schliessen die obligatorische Schule nicht ab. Der UNESCO-Weltbildungsbericht ist der wichtigste Mechanismus zur Überwachung der Fortschritte und Rückschläge der Bildungsziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung.

Der Weltbildungsbericht: eine Standortbestimmung

«Inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern», So verlangt es Ziel 4 der Agenda 2030. «Die Daten und Empfehlungen des Berichts beeinflussen Bildungsbehörden vor Ort sowie auch Akteure in der internationalen Zusammenarbeit, sagt Basilio Ghisletta, Bildungsberater bei der DEZA.

Drei Fragen an den Experten zur Vertiefung des Themas:

Portrait von Basilio Ghisletta.
Basilio Ghisletta, Bildungsberater der DEZA. © BG

Herr Ghisletta, was hat dieser Bericht für eine Bedeutung?

Die DEZA misst dem Bericht eine grosse Bedeutung zu. Er stellt ein wichtiges, fundiert recherchiertes globales Gut dar, welches Trends, Fortschritte und Rückschläge in der Bildung aufzeigt. Diese Erkenntnisse ermöglichen es, Massnahmen zu ergreifen. Die Daten und Empfehlungen des Berichts beeinflussen Bildungsbehörden vor Ort sowie auch Akteure in der internationalen Zusammenarbeit. Beispielsweise hatte der Bericht von 2019 zu Migration, Vertreibung und Bildung dazu geführt, dass die Bildung von Flüchtlings- und Migrantenkindern nun stärker im Fokus von DEZA-Programmen ist.

Der UNESCO Bildungsbericht 21/22 fokussiert auf die Rolle der nichtstaatlichen Akteure. Zu welchem Schluss kommt der Bericht, und wie deckt sich das mit der Erfahrung der DEZA?

Der Bericht weist darauf hin, dass nichtstaatliche Akteure eine entscheidende Rolle spielen in der Erfüllung des Rechts auf Bildung. Viele Menschen haben keine Möglichkeit der Aus- und Weiterbildung, der Nachholbildung oder des Zugangs zu frühkindlicher Bildung ohne das entsprechende Angebot nichtstaatlicher Akteure. Auch sind nichtstaatliche Akteure involviert im Bereitstellen von Ressourcen wie Schulbücher, Computer und Softwares.

Aber es gibt auch Kehrseiten: Beispielsweise wenn nichtstaatliche Akteure nicht im regulatorischen Bildungsrahmen operieren oder die Chancengleichheit in Gefahr ist. So unterwandern etwa in gewissen Ländern kostenpflichtige Privatschulen das öffentliche System und das grundlegende Recht auf Bildung. Dies führt dazu, dass nur wer es sich leisten kann eine gute Bildung erhält. Aus diesem Grund weisen das Bildungsziel 4 und der Bericht ausdrücklich darauf hin, dass gerade die obligatorische Schulbildung – also ein Jahr Vorschule und 12 Jahre Primar- und Sekundarschule – kostenlos sein muss. Dabei muss öffentlich finanziert nicht gleichbedeutend sein mit öffentlich bereitgestellt, sofern die Chancengerechtigkeit gewährleistet werden kann. Dies ist auch der Ansatz der DEZA.

Was sind die Erwartungen im Hinblick auf den Veröffentlichungsanlass des Berichts?

Erstens ist es eine Gelegenheit, einen Einblick zu erhalten, wo wir hinsichtlich des Bildungsziels stehen, was erreicht wurde und worauf wir in der internationalen Zusammenarbeit und in der Schweiz ein besseres Augenmerk legen sollten. Zweitens bietet er Inspiration und Diskussionspotenzial für ein derzeit heiss debattiertes Thema: Was ist die Rolle nichtstaatlicher Akteure – und insbesondere des Privatsektors – in der Entwicklungszusammenarbeit im Bildungsbereich.

Der Einfluss solcher Akteure nimmt zu und neue Möglichkeiten für öffentlich-private Interaktionen ergeben sich. Das Ziel einer hochwertigen Bildung für alle wird von allen geteilt, aber die Fragen, wer sie vermittelt, wer daran teilnimmt und wie sie reguliert wird, müssen thematisiert werden. Genau solche Fragen werden am Anlass diskutiert werden. 

Am 3. Februar 2022 präsentiert der Direktor des UNESCO-Berichts, Manos Antoninis, die wichtigsten Schlussfolgerungen während der virtuellen Schweizer-Lancierung. Anschliessend wird in drei Workshops mit einer Vielzahl von Akteuren aus Bildungsinstitutionen, dem Privatsektor und der Philanthropie die Frage der Rolle nichtstaatlicher Akteure auf den verschiedenen Stufen des Bildungsbereichs diskutiert. 

Einladung, Programm (PDF, 7 Seiten, 325.5 kB)

Anmeldung zur Veranstaltung

Nichtstaatliche und öffentliche Akteure – ein fruchtbares Zusammenwirken

Lernende bei der Installation von Sanitäreinrichtungen.
Eine praxisnahe Berufsbildung erhöht die Perspektiven junger Menschen, im eigenen Land eine Zukunft aufzubauen. © EDA

In ihren Projekten arbeitet die DEZA sowohl mit Bildungsbehörden als auch mit nichtstaatlichen Akteuren wie etwa NGOs, Stiftungen oder dem Privatsektor zusammen. Dies kann im Rahmen von innovativen Finanzierungsmodellen zur Förderung des Rechts auf Bildung, der Bereitstellung von Bildungsdienstleistungen für vulnerable Gruppen oder zum Testen neuer Ansätze sein. Das Ziel ist dabei immer, die Chancengleichheit nach dem Grundsatz «leave no one behind» zu gewährleisten. 

Gerade in der Berufsbildung ist die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor essentiell: Es braucht Lehrpläne, die den Bedürfnissen der Wirtschaft entsprechen und die Jugendliche gezielt auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Das zeigt das Beispiel eines DEZA-Berufsbildungsprojekts in der Ukraine: Geberit, ein Schweizer Konzern im Sanitärbereich, das Bildungsministerium der Ukraine und die NGO Swisscontact haben zusammen ein praxisnahes Ausbildungsprogramm für angehende Sanitärfachleute entwickelt und eingeführt – mit Erfolg: Seit dem Beginn des Projekts 2014 wurde der neue Lehrplan in den Berufsschulen im ganzen Land eingeführt, über 1000 Jugendliche haben die Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen und die grosse Mehrheit davon konnte sich im lokalen Arbeitsmarkt integrieren. 

Eine Familie in Kambia Sierra Leone beim Heimunterricht.
Die Familie spielt eine wichtige Rolle in der Bildung, gerade bei Schulschliessungen wegen Covid-19. © UNESCO Stephen Douglas, Sierra Leone

Auch in der Grundbildung gewinnen Partnerschaften mit privatwirtschaftlichen Akteuren an Bedeutung. So lancierten kürzlich die DEZA und Jacobs Foundation in Zusammenarbeit mit Roots of Impact und iGravity ein Pilotprojekt der impaktbasierten Bildungsfinanzierung. Gefördert werden innovative Bildungsansätze durch nicht-traditionelle Bildungsakteure für eine chancengerechte Grundbildung und bessere Lernergebnisse von vulnerablen Kindern und Jugendlichen. 

Der Weltbildungsbericht 2021/22

Der globale Bericht 2021/22 widmet dem Thema der nichtstaatlichen Akteure im Bildungsbereich besondere Aufmerksamkeit. Ihre Rolle geht über die Bereitstellung von Schulbildung hinaus und umfasst Interventionen auf verschiedenen Bildungsebenen und Einflussbereichen. Der Bericht fordert Regierungen auf, alle Einrichtungen, Schüler und Lehrpersonen als Teil eines einzigen Systems zu betrachten. Standards, Informationen, Anreize und Rechenschaftspflicht sollten den Regierungen helfen, das Recht auf Bildung für alle zu erfüllen, ohne die Augen vor Privilegien oder Ausbeutung zu verschliessen.

Der UNESCO-Bildungsbericht proklamiert, dass öffentlich finanzierte Bildung nicht zwangsläufig von der öffentlichen Hand bereitgestellt werden muss. Jedoch müssen Ungleichheiten in den Bildungsprozessen, bei den Ergebnissen der Schüler und bei den Arbeitsbedingungen der Lehrer, beseitigt werden. Effizienz und Innovation sind keine Geschäftsgeheimnisse, sondern sollten von allen verbreitet und praktiziert werden. Zu diesem Zweck müssen Transparenz und Integrität im öffentlichen bildungspolitischen Prozess aufrechterhalten werden, um Einzelinteressen zu verhindern. 

Bildung in der IZA-Strategie 2021-2024

Bildung ist in der Strategie der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz (IZA-Strategie) 2021-2024 in den Zielen «menschliche Entwicklung» und «wirtschaftliche Entwicklung» fest verankert:

Die Schweiz ist bestrebt, Leben zu retten, eine hochwertige Grundversorgung sicherzustellen – namentlich Bildung und Gesundheit – sowie zur Verminderung der Ursachen von Flucht und irregulärer Migration beizutragen. Die Erfüllung des Rechts auf Bildung ist eine grundlegende Voraussetzung für menschliche Entwicklung und schafft auch langfristige Perspektive.

Ohne die Basis einer soliden und hochwertigen Grundbildung und der darauf aufbauenden marktrelevanten Berufsbildung verfügt eine Bevölkerung nicht über die nötigen Fähigkeiten für wirtschaftliches Wachstum.

Dies steht im Einklang mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und ihrem Ziel 4, welches eine hochwertige und inklusive Bildung und die Möglichkeiten lebenslangen Lernens fordert. Die Schweiz hat sich – wie alle anderen UNO-Mitgliedstaaten – politisch dazu verpflichtet, die 17 Ziele der Agenda 2030, so auch das Bildungsziel 4, zu erreichen.