1 August address in Krauchthal in Emmental: Vier Ortschaften zusammengeschmiedet zu einer Gemeinde (de)

31.07.2019

Krauchthal i.E., 31.07.2019 - Address by Federal Councillor Ignazio Cassis on the occasion of the Swiss National Day 2019 - Check against delivery

Speaker: Head of Department, Ignazio Cassis

Liebe Krauchthalerinnen und Krauchthaler
Onorevole signor Vice-sindaco Brühlmann
Rappresentanti delle autorità di Krauchthal
Sehr geehrter Herr Verwaltungsleiter Bösch
Chers et chères invités
Signore e signori
Liäbi Frouue u Manne

Merci viumau dass dier mi zu Öier 1. Auguscht-Fyr hiä z „Chrouchtu“ iglade heit. Das hani sehr gschetzt.

Ihre Einladung ist eine der ersten, die ich bereits 2017 bei meiner Wahl in den Bundesrat bekommen habe. Grazie mille per questa particolare gentilezza!

Zuerst habe ich gedacht: Jetzt verschlägt es dich noch zu den Höhlenbewohnern…

Im Ernst: Natürlich bin ich gerne zu Ihnen ins Emmental gekommen. In eine der geschichtsträchtigsten, landschaftlich schönsten und menschlich reichsten Regionen der Schweiz.

Auch die Höhlenbewohner in den «Fluehüsli» gehören dazu. Sie sind schliesslich weltberühmt. Meine Mitarbeiter haben aus einem Antiquariat ein 1991 erschienenes Buch beschafft. Es trägt den Titel «In den Höhlen der Welt». Ich habe es mitgebracht.

Zu Ihren bebilderten Felswohnungen erfährt man darin etwas Interessantes. Die Höhlen von Krauchthal sind nicht wie üblich zu kriegerischen Zwecken ausgebaut worden, sondern zu friedlichen Zwecken – in Behausungen mit gutbernischen Bauernhausfassaden. Kein Wunder, hat diese mittelalterliche Idylle auch Pfarrer Albert Bitzius aus Lützelflüh literarisch beflügelt.

Ja, ich spreche von einem sehr bekannten Einwohner dieser Gegend: von Jeremias Gotthelf! In seinem 1846 erschienenen Roman «Jacobs, des Wandergesellen Reise durch die Schweiz» schrieb der wortgewaltige Pfarrer:

«Die bekannten Felsenwohnungen des Lindentales, sie sind armer Leute Schutz und Zufluchtsort. Dort fordert der Hausherr keinen Hauszins, der Hausherr ist Gott. Dazu sind sie noch solider als viele Paläste der Neuzeit, es ist noch keine eingefallen, es hat aber kein Baumeister sie gebaut, der Baumeister war Gott.»

Liebe Krauchthalerinnen und Krauchthaler

Ihre Gemeinde ist die erste Station meiner dreitägigen Reise durch die Schweiz rund um unseren diesjährigen Nationalfeiertag. Sie führt mich in alle Sprachregionen.

I. Heute in die Deutschschweiz, zu Ihnen ins Emmental, nach Krauchthal.
II. Morgen Vormittag zu einem Brunch in die Westschweiz – auf einen Bauernhof auf der Alp L’Etivaz - in der Waadt.
III. Und morgen Abend reise ich in den tiefen Süden der Schweiz und sogleich meine Heimat Tessin: nach Chiasso.
IV. Zum Abschluss folgt am 2. August auch ein Auftritt in der Rätoromanischen Schweiz - an der 100-Jahr Jubiläumsfeier der Lia Rumantscha, der Dachorganisation der rätoromanischen Sprachorganisationen, in Zuoz, Graubünden.

Wieso erzähle ich Ihnen das? Weil ich mich von Anfang an als Schmied in Ihren Dienst gestellt habe. In meiner Antrittsrede am 20. September 2017 habe ich gesagt:

«Geschätzte Kolleginnen und Kollegen, Sie haben sich mit meiner Wahl auf die Stärken unserer Willensnation besonnen. Die Schweiz ist eine Einheit, geschmiedet aus sprachlicher und kultureller Vielfalt, mit der Freiheit als verbindendem Wert. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, unseren Zusammenhalt dort zu stärken, wo er angesichts der besonderen Herausforderungen und der geografischen Lage rostet. Ich stelle mich als Schmied in Ihren Dienst und will unser Land noch stärker zusammenschmieden».

Und dies bei jeder Gelegenheit, damit wir stets sagen können: Ein Land, zusammen geschmiedet aus vier Sprachen mit den entsprechenden Kulturen.

Bei Ihnen sehe ich auf der Homepage eine ähnliche Formel: Krauchthal, eine Gemeinde, vier Ortschaften: Hettiswil, Hub, Dieterswald und Krauchthal. Alle gleich wichtig, alle gleichbehandelt, alle gehören zusammen.

Wahrscheinlich wissen die wenigsten Schweizerinnen und Schweizer im Detail, wo sich diese Ortschaften und Gemeinden befinden. Aber alle wissen, dass diese Grenzen nicht trennen, sondern verbinden: Zu einem Staatsaufbau von unten nach oben - mit klarer Machtteilung: 2'212 Gemeinden bilden das Fundament, 26 Kantone das Haus, eine Schweiz das Dach.

Ein Föderalismus, der weit über die Landesgrenzen hinaus bewundert und zum Vorbild genommen wird! Ein wichtiger Pfeiler der Erfolgsgeschichte der Schweiz.

Liebe Festgemeinde!

Wieso ist mir der Zusammenhalt unserer Schweiz so wichtig?

Weil er der Garant unseres Wohlstandes ist! Wir zählen wirtschaftlich zu den Grossen und politisch zu den Bedeutenden, weil wir zusammenhalten.

Als Aussenminister sage ich Ihnen: Wir geniessen hohes Ansehen in der Welt. Unsere Dialogbereitschaft wird geschätzt, unsere guten Dienste werden gebraucht. Unsere Zuverlässigkeit und unsere Stabilität werden bewundert.

Daran ändert auch nichts, dass wir momentan mit unserem wichtigsten Partner etwas ringen müssen. Ja, Sie wissen wovon ich spreche. Von der EU. Der Bundesrat will den bestmöglichsten Marktzugang zum EU-Binnenmarkt unter Beibehaltung der grösstmöglichen Eigenständigkeit. Diese Kombination sorgt dafür, dass es uns gut geht! Heute Abend wollen wir uns aber nicht in den technischen Details des Rahmenabkommens verlieren.

Wie gesagt: im Ausland wird immer wieder betont, dass die Schweiz eine erstaunliche Stabilität aufweist.

Aber genügt das auf Dauer? Wissen wir, wohin wir in Zukunft wollen?

Wie sagt die Katze zu Alice im Wunderland? «Wenn Du nicht weisst, wohin Du willst, dann ist es egal, welchen Weg Du einschlägst.» Ich will aber wissen, wohin wir wollen! Es gehört zu den Aufgaben des Gesamtbundesrates, die Zukunft möglich zu machen!

Deshalb habe ich eine hochkarätige Arbeitsgruppe eingesetzt, die den aussenpolitischen Weg weisen soll. Sie hat dies mit einem umfassenden Bericht getan, der in diesen Tagen erschienen ist. Er trägt den Titel «Die Schweiz in der Welt 2028» und ist auf unserer Homepage zur Verfügung. Darin finden Sie nirgends Begriffe wie «Kleinstaat» oder «Kleines Land».

Im Gegenteil, Sie spüren in diesem Bericht Selbstbewusstsein und politischen Gestaltungswillen. Sie finden in dieser Vision Weitsicht und neue Horizonte.

Kurz: Eine aussenpolitische Vision für unser Land, die auf den Werten und den Eckwerten der Schweizer Verfassung beruht. Weil ich nicht müde werde, meine Devise zu wiederholen: Aussenpolitik ist Innenpolitik.

Und natürlich auch umgekehrt: Innenpolitik ist Aussenpolitik. Wir sollen unsere Swissness selbstbewusst und respektvoll in die Welt bringen, aktiv mitreden, teilhaben an der Entwicklung dieser neuen globalisierten Welt. Nur so können wir unsere Interessen vertreten – für Frieden, Sicherheit, Arbeitsplätze – also Wohlstand – und vor allem Souveränität.

Heute Abend, am Vorabend unseres Nationalfeiertages, möchte ich hier in Krauchthal eine klare Ansage machen: Bleiben wir uns treu.

Treu wie die Schweizer Flagge. Sie ist und bleibt quadratisch, auch wenn sie nicht auf die Fahnenmasten der Welt passt. Wir haben die einzige quadratische Flagge der Welt, zusammen mit dem Vatikanstaat. Alle anderen sind rechteckig. Ausser der Flagge von Nepal, die aus zwei Dreiecken besteht.

Das harmonische weisse Kreuz auf rotem Grund wird nicht geändert. Und auch die vertikale – von Nord bis Süd– und die horizontale Achse – von West bis Ost - sind gleich lang und gleich breit. Weil wir Sorge tragen, die einen für die anderen und umgekehrt.

Und darauf können wir stolz sein. Possiamo esserne fieri!

Deshalb habe ich für diesen 1. August ein passendes Motto gefunden: 1-2-3-4!

Ein Land 
Zwei Farben
Drei Tage unterwegs für den Nationalfeiertag
Vier Sprachen

Liebe Krauchthalerinnen und Krauchthaler

Sie merken: Ich habe es heute mit den Zahlen. Nicht nur mit 1, 2, 3, 4, sondern auch mit 100 - und vor allem mit der magischen Zahl 19.

In Zuoz spreche ich übermorgen zum vierten Mal in diesem Jahr zu einem 100-jährigen Jubiläum. Davor waren es:

• 100 Jahre Internationale Arbeitsorganisation ILO und Völkerbund - die Vorfahrin der heutigen UNO – im internationalen Genf.
• 100 Jahre Schweizerische Nationalspende für unsere Soldaten und ihre Familien.
• 100 Jahre Evangelische Volkspartei, EVP

Ich könnte Ihnen mühelos noch weitere 19 Organisationen und Ereignisse nennen, die mit dem Jahr 1919 zu tun haben. Weil 1919 ein Jahr des Aufbruchs war.

• Aufbruch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges.
• Aufbruch nach der Bewältigung der Spanischen Grippe, die allein in der Schweiz 24’000 Menschenleben forderte.

Aber nun, zum Schluss, noch ein weiteres Hundertjähriges. Und ein besonders wichtiges für Sie! Vielleicht sogar das wichtigste!

100 Jahre Hornussergesellschaft Hettiswil!

Happy Birthday!

Ich verabschiede mich mit dem herzhaften Gruss: Auf weitere 100 Jahre!

Buon Primo d’Agosto a tutti voi!

Viva la Svizzera – es lebe die Schweiz!


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